Eine Aktion von «Kunst+Politik»
Georg Kreis
Wenn es Marignano nicht gegeben htte, dann wre Christoph Blocher, der mindestens in seinem Herzen schon damals dabei war, zwar nicht arm, aber rmer und seine Ideologie noch armseliger. Er knnte sich nicht auf den wegweisenden Ausgang dieser Schlacht in der Poebene der battaglia dei giganti berufen. Er htte kein angeblich vorbildliches Exit vom Schlachtfeld im Ausland, das ihm gestattet, umso rcksichtsloser das Inland zum Schlachtfeld zu machen.
Das briggebliebene Tor zum Schlachtfeld. Ein Tor in die Vergangenheit oder in die Zukunft? Aufgenommen vom Verfasser am 27. Dezember 1996, inzwischen vielleicht bereits verschwunden.
Doch anders, als viele meinen, endete mit Marignano nicht die aktive, das heisst im Ausland prsente Aussenpolitik der Schweiz, und begann schon gar nicht die Neutralitt. Dies wre ja vllig unvereinbar gewesen mit dem ein Jahr nach Marignano am 29. November 1516 abgeschlossenen Ewigen Frieden mit Franois Ier, dem jungen franzsischen Knig und Sieger der Schlacht in der Poebene. Dieses Abkommen kann man tatschlich als Kolonialvertrag bezeichnen, es band die Schweiz fr Jahrhunderte einseitig an Frankreich, gewhrte aber den schweizerischen Kaufleuten weiterhin den Zugang zum franzsischen Markt. Die 1521 folgende Sldnerkapitulation sicherte der Schweiz Geldertrge (Devisen wrden wir heute sagen) und den dringend bentigten Salzimport. Davon hren wir nichts bei den Marignano-Ideologen, die den Ausgang des Kriegs in Norditalien propagandistisch gegen eine friedliche Souvernittspartnerschaft mit dem multilateralen Europa einsetzen.
Man knnte sich ja tatschlich fragen, ob es Marignano gegeben hat, wie zuweilen die Frage aufkommt, ob die Amerikaner wirklich auf dem Mond waren oder ob nicht alles in einem Studio nachgestellt und abgedreht worden sei. Wer auf solches Fragen emprt reagiert, dem knnte man die Standardfrage entgegenhalten, dass man doch wohl noch fragen drfe. Damals, am 13. und 14. September 1515, waren keine Kriegsreporter und keine embedded journalists dabei, die ohne grossen Zeitverzug, sozusagen in Jetztzeit, berichteten, was beim Zusammenprall der 60-70'000 Kmpfer bei Melegnano sdstlich von Mailand abging. Rund sechstausend Eidgenossen sollen auf dem Schlachtfeld liegen geblieben sein. Es gab aber noch mehr berlebende, und einige von ihnen hinterliessen ihre Berichte.
Die Frage, ob Marignano wirklich stattgefunden hat, kommt einer berprfung der Echtheit etwa des Bundesbriefs von 1291 gleich. Superpatrioten sahen bereits in wissenschaftlich selbstverstndlicher Abklrung solcher Art eine Attacke auf die Nation. Im Vergleich dazu hatten selbst Erzkatholiken 1988 bei der Radiokohlenstoffdatierung des Turiner Grabtuchs (nicht identisch mit dem Schweisstuch der Veronika) gelassener regiert. Man wird also doch noch fragen drfen. Im Falle des Bundesbriefs zeigte sich, dass das Material offenbar seiner Zeit entstammt, das Dokument ist demnach so echt. So echt, wie auch Marignano tatschlich stattgefunden hat.
Die Problematik liegt aber anderswo. Sie liegt in beiden Fllen bei der Zuschreibung von Bedeutung. Als Historiker nimmt man die Vorgnge nicht bloss eindimensional bei ihrer faktischen Realitt, sondern fragt man sich, wie diese gewirkt hat, durchaus real (zum Beispiel mit dem engen franzsisch-schweizerischen Bndnis von 1516), aber auch auf der Vorstellungsebene wirkte. Diese ist eine eigene Realitt, eine Realitt zweiten Grades, oft wirkungsmchtiger als die eigentliche Realitt.
Es muss uns interessieren, was dieses Ereignis auf der symbolischen Ebene gross gemacht hat. Von ihm ging bereits in der Zeit selbst eine erhebliche Wirkung aus; dies nicht zuletzt auch wegen der innereidgenssischen Differenzen in diesem Engagement. Die neuzeitliche Bedeutung ist aber eine andere und erst die Folge einer spteren Aufladung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Hier knnen wir dem in Bielefeld lehrenden Schweizer Historiker Andreas Suter folgen: Den Befund von Franois Walter verschrfend, bemerkt er: Marignano (wurde) offenbar rasch vergessen und blieb lange Zeit vergessen. Es finden sich in den Quellen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts keine Hinweise, dass dieses Ereignis im populren Geschichtsbewusstsein prsent geblieben ist. (S. 152) Marignano wurde als Geburtsstunde der Neutralitt im Sinne einer selbst geschaffenen Maxime erst in den spter 1880er Jahren geschaffen, um so der Schweiz im damals spannungsreichen Krftefeld der Nachbarstaaten eine eigene, das heisst in der eigenen lteren Geschichte wurzelnde Position zu verleihen und zugleich das drohende Interventionsrecht der Neutralittsgaranten des Wiener Kongresses von 1815 zu entkrften (Suter, A. 167).
1974 kam der Zrcher Historiker Emil Usteri, der sich in jenen Jahren am eingehendsten mit den Vorgngen um Marignano beschftigt hat, zum Schluss, dass die Hinwendung zur Neutralitt das Werk spterer Generationen gewesen sei und 1515 nicht ber die knftige Haltung gegenber fremden Hndeln entschieden habe. Und der angesehene NZZ-Feuilletonchef, Hanno Helbling, unterstrich bei der Prsentation von Usteris Werk in seinem Blatt: Der Epocheneinschnitt erweist sich bei nherem Zusehen als doch nicht so tief ein Ergebnis, zu dem das nhere Zusehen oftmals fhrt. (NZZ vom 14./15. Dezember 1974). Noch 1995 bemerkte der Genfer Historiker Franois Walter in seinem Aufsatz, es bleibe abzuklren, wann und wie 1515 als Epochenzsur eingestuft worden ist. (S. 493) Fr ihn war aber klar, dass das 19. und 20. Jh. Marignano nach seinen eigenen Bedrfnissen die Bedeutung geben wollte, die man haben wollte. (S. 503)
Usteri hatte in beinahe zehnjhriger Arbeit eine Vielzahl von zeitgenssischen Quellen, die es zu diesem Ereignis eben gab, verarbeitet auch Gefallenenregister, Volkslieder und bildliche Darstellungen. Alle diese Quellen sind Hinweise, dass Marignano stattgefunden hat, sie sind aber keine simplen Anleitungen, wie Marignano zu verstehen ist. Warum gerade 1974 diese Publikation? Es stand kein aktuelles Jubilum bevor. Das ber 600 Seiten dicke Buch war aber die Sptfrucht des Jubilums von 1965. Das Vorwort firmierte Werner Oswald, Prsident des Komitees zur Wrdigung der Schlacht von Marignano, Chemiker und Grnder der EMS-Chemie. Der 24jhriger Jus-Student Christoph B. war im Komitee dabei; er war mit einem Oswald-Sohn zur Schule gegangen und war mit Oswald bekannt. Dieser stellte ihn vier Jahre spter in seiner Rechtsabteilung an, was die Ausgangsposition fr die bernahme der EMS-Chemie nach 1979 war. Das in einem gewissen Sinn alles dank Marignano.
Das besagte Komitee, dem neben Oswald noch andere Grssen der Wirtschaft angehrten, liess 1965 anlsslich des 450-Jahr-Gedenkens, eine lokale Kapelle restaurieren und ein steinernes Denkmal errichten. Dieses war dem Motto Ex clade salus gewidmet und nahm mit seiner lateinischen Ausdruckweise besondere Erhabenheit in Anspruch. Die deutsche Version Nach der Niederlage das Heil htte nicht gengt. Die damals vom Komitee ins Leben gerufene Fondazione Pro Marignano nahm brigens 2012 ihre Aktivitt im Hinblick auf das 500-Jahr-Gedenken wieder auf.
Eine Frage bleibt: Warum waren und sind wirtschaftliche Unternehmer la Oswald an verbrmender Geschichtspflege interessiert? Es geht um die Pflege einer Variante des Nationalkonservativismus, der mit seinem Eintreten fr Armee, Autoritt und Neutralitt das internationale Wirtschaften und die Hoheit der Wirtschaftselite nicht nur nicht beeintrchtigt, sondern strkt. Bei Marignano konnte man zudem die Tugend der Disziplin hochleben lassen, mit der die Eidgenossen den Rckzug nicht direkt ins Reduit, sondern bloss nach dem von ihnen noch immer besetzten Mailand antraten.
Die 1965 noch durchaus gegebene bereinstimmung zwischen fhrenden Krften der Wirtschaft, Politik und Armee zerfiel allerdings in den folgenden Jahrzehnten. Symptomatisch fr diesen Wandel war der Aufruf eines Chefdenkers des wirtschaftsgespeisten Thinktanks Avenir Suisse aus dem Jahr 2003: Darin geisselt Stefan Flckiger die vorherrschende Einstellung als diejenige einer Marignano-Gesellschaft, welche den helvetischen Rckzug in die neutrale Bescheidenheit und die Skepsis gegen das Fremde beschwre, statt zu erkennen, dass Marignano fr das fatale Versumen eines Modernisierungsschrittes, fr eine dramatische Selbstberschtzung und eines Verharrens in berlebten, aber sakrosankten Kategorien stehe. (NZZ vom 5. September 2003)
Oswald, Blocher und andere htten 1965 auch Morgarten statt Marignano in Erinnerung rufen knnen, denn im gleichen Jahr, allerdings nicht auf 1515, sondern auf 1315 bezogen, gab es auch dazu Anlass fr historisches Gedenken. Morgarten war sogar lter. Warum taten sie dies nicht? Dazu lassen sich bloss Vermutungen anstellen. Morgarten stand fr Abwehr eines Eindringlings, Marignano hingegen fr angebliche Einsicht, dass Selbstbeschrnkung ntig sei. Und diese Beschrnkung wollte man schon damals gegen die schweizerische Mitwirkung im europischen Integrationsprojekt als historische Pflicht in Erinnerung rufen. Es musste die um ihre wirtschaftliche Unabhngigkeit frchtenden Unternehmer beunruhigen, dass der Bundesrat im September 1962 nach Brssel pilgerte und offenbar Bereitschaft signalisierte, den angeblich 1515 eingeschlagenen Sonderweg aufzugeben und einen Anschluss der Schweiz an die EWG vorzubereiten. Diese verrterischen Bundesrte waren Friedrich Traugott Wahlen (BGB/SVP!) und Hans Schaffner (FDP).
Hier sollten wir uns fr einen Moment berlegen, was Wandel und Wende bedeuten und wie das gerne missverstanden wird. Die Marignano-Ideologen haben selbst berhaupt nichts gegen Wandel und Wende, sofern er nur einmal und in die ihnen genehme Richtung fhrte. Wandel weg von Grossmachtpolitik, um sich dann fr immer mit der offiziellen und deklarierten Politik von der Welt abzuwenden. Wandel, um keinen weiteren Wandel mehr zuzulassen; Wandel, um angeblich bei sich selbst anzukommen. Christoph Blocher hat 1992 mit seinem Marignano-Appell die damalige Schlacht um die allernchste Zukunft der Schweiz gewonnen. Die Zukunft aber ist grundstzlich offen, sie geht weiter, immer weiter. Auf die gestrige Zukunft folgt die heutige und morgige Zukunft, folgt das konsolidierte Paket der Bilateralen oder der EU-Beitritt.
Wenn 1515 Wandel eingetreten ist oder wre, dann ist nicht einzusehen, warum nicht in der Zeit, in der wir leben und die vor uns liegt, wiederum Wandel stattfinden kann. Konkreter: Auch der Anti-EWR-Entscheid von 1992 ist grundstzlich wandelbar. Wandelbar war und ist bekanntlich auch die Zusammensetzung der Landesregierung. Der Fehlentscheid von 2003, Blocher in den Bundesrat aufzunehmen, wurde 2007 korrigiert. Ein NZZ-Leser meinte dazu, Blocher habe sein persnliches Marignano erlebt (Online-Kommentare zu NZZ-Artikel vom 12. Dezember 2007).
Vor Emil Usteri haben sich andere Historiker eingehend mit Marignano befasst, insbesondere Emil Drr und Ernst Gagliardi. Was der sehr brgerlich eingestellte Basler Historiker Emil Drr 1933 in der offiziellen Schweizer Kriegsgeschichte zu den Konsequenzen von Marignano sagte, leuchtet ein, es lsst sich aber auch im oben angesprochenen Sinn als Hinweis auf die Wandel- und damit Vernderbarkeit des schweizerischen Verhltnisses zur Umwelt lesen, wenn man statt Frankreich die EU einsetzt: Es ist erstaunlich, wie rasch die Eidgenossenschaft, nachdem sie ein halbes Jahrzehnt den leidenschaftlichem Kampf gegen Frankreich (oder die EU) gefhrt hatte, sich zu einem dauernden Frieden bereit erklrte mit entsprechendem Abbau der Vergangenheit und Sicherung fr die Zukunft. (...) Dieser Ewige Friede (zieht) einen festen Strich unter eine politische Vergangenheit und legt eine unbedingte Bindung fr die Zukunft fest. (...) Die Bindungen von 1516 waren auch dauernde Sicherungen gegenber einer Grossmacht, deren man mit den eigenen staatlichen Mitteln augenscheinlich nicht mehr gewachsen war, und so stellten auch sie Entlastungen auf lange Sicht dar. Mit ihnen war aber auch ein eigentlicher epochaler Abschluss in der Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft erreicht. (S.672ff)
Literatur (chronologisch aufgereiht):
Emil Usteri, Marignano. Die Schicksalsjahre 1515/16 im Blickfeld der historischen Quellen. Zrich 1974.
Georg Kreis, Soll die Schweiz Marignano mit Geld zurckerobern? In: Basler Zeitung vom 28. April 1989 (zum nationalrtlichen Vorstoss Basler, das von der berbauung bedrohte Schlachtfeld aufzukaufen).
Walter Schaufelberger, Strukturelle Grenzen eidgenssischer Militrmacht zwischen Mittelalter und Neuzeit. Zrich 1993.
Franois Walter, Marignan 1515: traces de la mmoire d'une bataille de gants. In: Des archives la mmoire, hg. von B. Roth-Lochner et al., 1995, S. 477-503.
Andreas Suter, Die Entdeckung von Marignano. Die Tradition der neutralen Schweiz als Erfindung des 19. Jahrhunderts. In: NZZ vom 13./14. Februar 1999. Bereits ausgefhrt in Eine kleine Geschichte der Schweiz. Frankfurt a. M. 1998. S.133-188.
Herv de Weck, Artikel Marignano im Historischen Lexikon der Schweiz, Oktober 2009.
Georg Kreis, Schweizerische Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness. Zrich NZZ-Libro 2010. S. 71-85.
Georg Kreis (1943), emeritierter Professor fr Geschichte an der Universitt Basel, 1993-2011 Leiter des interdisziplinren Europainstituts, Herausgeber des 2014 bei Schwabe erschienen Handbuchs Die Geschichte der Schweiz mit 33 Beitrgen.