Hurra, verloren! 499 Jahre Marignano

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Thomas Zaugg

Feiert Marignano, befreit Hodler!

Marignano könnte man feiern. Gar verehren wie eine Dichterstätte. An jenem Mailänder Vorort entzündet sich seit Jahrhunderten die Sonderphantasie von Politikern und Geschichtsschreibern. Doch es gibt genug Gründe wider die Feier dieser Niederlage.

Marignano, das ist zunächst die Geschichte einer Schlacht zwischen Frankreich und der über Mailand gebietenden Eidgenossenschaft – einer «battaglia dei giganti», wie es der gegnerische Befehlsführer Gian Giacomo Trivulzio ausdrückte. Damals griffen die eidgenössischen Fusstruppen, wegen ihrer Stosskraft gefürchtet, als Gewalthaufen ins Kriegsgeschehen ein – wenn auch die Franzosen militärtechnisch weiter waren. Die Kämpfer von König Franz I. zerfetzten mit ihren Feuerwaffen aus Hecken und Schützengräben die Eidgenossen am 13. und 14. September 1515.

Dem Ausland wird das schweizerische Jubilieren über das Gemetzel ähnlich originell erscheinen wie 1989, als dem Bundesrat der Kriegsausbruch 1939 eine Feier wert war. Sogar das politisch linke Lager interessiert das Datum inzwischen, schliesslich soll mit dem Blutzoll von 1515 so etwas wie die Neutralität des Landes begründet worden sein. Der Rückzug als Lektion?

Wohl kaum, denn ein Lerneffekt setzte nicht ein. Ein Jahr nach der Niederlage liessen sich rund 25'000 Schweizer Söldner von Frankreich und Habsburg anheuern, nur wenige – nicht einmal Zwingli, der als Feldprediger in Marignano die Todgeweihten motivierte – waren ganz Pazifisten geworden. Vielleicht aber wenigstens: Neutralisten?

Neutralität, wie wir sie heute kennen, kann man das nicht nennen. Im Mittelalter führten die Herrscher «gerechte Kriege», in denen sie zwischen Gut und Böse unterschieden. Neutrale Seiten gab es da nicht, manchmal die bilaterale Zusage eines Mächtigen an diesen oder jenen Kanton für ein «still sitzen», wie es in der Sprache der Zeit hiess. Erst die Wirren der Reformationskriege und die innere Spaltung erzeugten eine – nennen wir es – eidgenössische Abgeschiedenheit.

Wir sollten uns nicht allzu sehr in den Hellebardieren jener Schicksalsjahre spiegeln. Die Eidgenossen haben Mailand verloren, weil viele zu arm waren, die neuen Feuerwaffen zu besitzen, und überhaupt alle zu stolz, sie zu benutzen. Wer mit dem unehrlichen Schuss tötete, den verhöhnten sie. «Das gschütz gieng wie der hagel – noch lüffend wir üch darin», heisst es in einem Spottlied von Niklaus Manuel. Der Berner Reformator sang so nach Bicocca, einer weiteren, sieben Jahre nach Marignano verlorenen Schlacht. Wieder versteckten sich die Gegner «glich wie die tachs und murmeltier», töteten mit ihren Kugeln aus sicherer Distanz. Die Eidgenossen fragten und provozierten mit Niklaus Manuel unbelehrt: «Warumb kamend ir nit uf d’wite und hettend üch da gewert?»

Der Vatikan begann sich damals zwar mit einer «Schweizergarde» aus dem rohen Alpenland zu bestücken und Machiavelli bewunderte 1513 die Schweizer in einem Brief an den florentinischen Staatsmann Francesco Vettori als «bestialisch, siegreich und übermütig». Doch die fremdländische Artillerie hatte 1515 eindrücklich den Sieg davongetragen. Was sind unsere technologiearmen Leidensgenossen für Vorbilder? Für die nationalkonservative Rechte? Für die Schweizer Armee? Für den Wissenschafts- und Waffenwirtschaftsstandort Schweiz?

Trotzdem, 2015 wird 1515 im grossen Stil gefeiert und verklärt werden. Entsprechende Postulate der Parlamentarier betreffend Marignano und Morgarten (1315) hat der Bundesrat bereits beantwortet. Er will die Planung ganz dem Kantönligeist überlassen, und der ist hierzulande bekanntlich grenzenlos. Dass es zu einem hysterischen Gedenken kommen wird, dazu sind die Voraussetzungen zumal bei den Historikern geschaffen. Einerseits ist da die vorsichtig formulierte Version der Neutralitätsgeschichte von Edgar Bonjour aus den 1960er-Jahren: Auch Jahrzehnte nach Marignano hätten die Eidgenossen «noch weiterhin genügend Beweise überschäumender Lebenskraft» geliefert, ja war es eben nicht so, «als ob ihre Kraft gebrochen worden wäre und sie sich sofort zur außenpolitischen Enthaltsamkeit bekehrt hätten». Andererseits überbieten sich neuere Historiker darin, die Neutralität zu verjüngen: Im 17. Jahrhundert (Thomas Maissen) oder sogar erst am Wiener Kongress 1815 (Andreas Suter) soll sie begonnen haben, also 300 Jahre nach Marignano, oktroyiert von den royalen Mächten, die sich eine neutrale Pufferzone wünschten. Kaum einer der für 2015 geplanten Kongresse wird diese Forschungspositionen zusammenbringen. In der Öffentlichkeit wird das Zerrbild des Schweizer Historikers zementiert werden, der an jeder Gedenkmedaille nur die Kehrseite sieht.

Die eigentliche Verklärung begann 1965. Damals jährte sich Marignano zum 450. Mal. «Es war ungut, an Boden zu gewinnen und darüber an Wesen zu verlieren», schrieb der Historiker Georg Thürer in seinem zu den Feierlichkeiten erschienen Besinnungsband, als hätte 1515 bereits ein helvetisches «Wesen» die Köpfe der Krieger umgeistert. Der Entschluss, auf Grossmachtpolitik zu verzichten, habe diesem «inneren Wesen» entsprochen, obwohl der Rückzug zuerst eine Enttäuschung gewesen sei für unsere «Volksgemeinschaft». Herausgeber von Thürers «Die Wende von Marignano» war Werner Oswald, der Patron der Emser Werke. Der junge Christoph Blocher diente seinerzeit als Sekretär in Oswalds «Komitee zur Würdigung der Schlacht von Marignano und ihrer Konsequenzen», und noch heute schwärmt Blocher von jenem Komitee und von Thürers Buch. Zuletzt brachte er es im EWR-Abstimmungskampf 1992 unter die Parlamentarier, um sie an den Wert der Neutralität zu erinnern. Eine Neutralität, die geistigen Landesverteidigern wie Oswald, Thürer und Blocher 1965 bedroht schien: Die Hochkonjunktur der Wirtschaft brachte eine zunehmende Amerikanisierung der Kultur und einen Traditionsverlust mit sich, zudem wurde erste Kritik an der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg laut, und der Bundesrat liebäugelte mit einem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Zahllos pilgerte daraufhin die vaterländische Elite – zuvorderst Alt-Bundesrat Etter mit seinem eigenen «Pro Marignano»-Komitee, Militärs, Intellektuelle, Unternehmer und mittendrin der junge Blocher – nach Marignano. In Mezzano liessen sie das Beinhaus Santa Maria della Neve errichten und in Zivido ein Denkmal des Künstlers Josef Bisa: ein sterbender alter Eidgenosse, geschützt von einem jüngeren. «Ex clade salus», stand darüber, aus der Niederlage das Heil.

Offensichtlich spürten die alten geistigen Landesverteidiger kurz vor 1968, dass sie noch so manche Niederlage zu verkraften haben würden. Doch sahen ihre besonneneren Köpfe bald ein, dass Marignano nur ein Mythos war. Umfangreicher als dasjenige Thürers, erschien 1974 von Emil Usteri ein weiteres Marignano-Werk, das Oswalds Komitee zehn Jahre zuvor in Auftrag gegeben hatte. Usteri schrieb nur noch von einer «sehr bedingten Richtigkeit» der 1515 angeblich begonnenen Neutralitätsgeschichte der Schweiz: Es sei nicht richtig, «was in der Schule meistens behauptet wird, nämlich daß nach Marignano unter dem Eindruck der Niederlage die Einmischung der Eidgenossen in fremde Händel gleich aufgehört hätte». Weniger für das Heil der Neutralität («das Werk späterer Generationen»), vielmehr für das «Durchstehen der Schlacht» sollten «wir Nachfahren», so Usteri im Schlusswort, «den dort unten im Schlachtfeld ruhenden Schweizern ewig dankbar sein». Denn nur wegen ihrer Standhaftigkeit habe das Tessin zu einem international beliebten und «uns Deutschschweizern besonders ans Herz gewachsenen Südbalkon unserer Heimat» werden können.

Sollen wir rund zehntausend toten Schweizern die Sommerferien verdanken?

Warum den Rückzug nicht besser so restaurieren, wie Ferdinand Hodler ihn mit seinen Fresken in den Lünetten des Waffensaals im Zürcher Landesmuseum inszeniert hat: als avantgardistische Provokation? Generationen von Schülern wallfahrten dorthin, um über die Wende zur Neutralität belehrt zu werden. Insbesondere im Zuge der geistigen Landesverteidigung ab den 1930er-Jahren, als Hodlers Marignano-Fresken bald als Briefmarken gedruckt wurden, bald im Sitzungszimmer des Bundesratsbunkers im Reduit an der Wand hingen, wurde der Maler zum Jodler verklärt. Ursprünglich jedoch wollte Hodler «das hartnäckige, kräftige Schweizervolk», Leute «vom Pfluge» zeigen – eine Art Wilde, die in die italienische Ebene hinuntersteigen, wie Albert Anker meinte. Zu modern, zu bunt, zu blutig erschien dies um 1900 Heinrich Angst, dem Museumsdirektor, neben all den Hellebarden und Kanonen, den Wimpeln und den Federbüschen. heute Warum nicht den Waffensaal in dieser alten Sterilität wiederherrichten? Warum nicht Hodlers Lünetten aus dem Schatten der zeitgeistigen Museumspädagogik befreien? So könnten sie ohne patriotische Überhöhung erlebbar werden, wie frühe Comicstrips. Sie würden uns nicht nationalmalerisch anöden, sondern mit ihrem Hauptmerkmal reizen: der Wildheit der Avantgarde!



Thomas Zaugg, geboren 1985, hat in Zürich Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Er ist redaktioneller Mitarbeiter beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» und Autor von «Blochers Schweiz».



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