Une action d'«Art+Politiqe»
Guy Krneta
Fr manche Tiere muss die Schlacht von Marignano ein Fressen gewesen sein. Innerhalb von zwei Septembertagen verblutete hier ein Mehrfaches der Opfer von Nine-Eleven. Und lag tage-, wochen-, monate-, ja jahrzehntelang unter freiem Himmel. Von der Sonne gednstet, vom Regen aufgeschwemmt. Je nach Wind verbreitete sich der Geruch der Verwesenden in alle Himmelsrichtungen. Und zog alles an, was sich fr diese Sorte Frass interessierte. Zehntausende menschliche und tierische Krper, von Spiessen durchbohrt, die Schdel gespalten, die Schenkel weggeschossen, zerkratzt und zerbissen, aufgeknpft an Bumen und totgetrampelt von den eigenen Leuten. Das Krperfett der Feisteren soll den Kriegern selbst noch als Schmiermittel und Stiefelfett gedient haben. Danach kamen die Hunde und Katzen, die Fchse und Wlfe, Vgel aller Art. Sie spielten mit Hnden und Fssen, zerrupften die Innereien, verteilten die Eingeweide kilometerweit in der Gegend. Es folgten Ameisen und Kfer und immer kleineres Getier, sobald das grssere abgezogen war.
Sieben Generationen spter wurde zu Ehren der Gefallenen ein Beinhaus errichtet. Immer wieder mal war ein Bauer beim Pflgen auf Knochen von Mensch und Tier gestossen, fr die es nun eine zentrale Sammelstelle gab. Doch weil nicht gengend sterbliche Reste zu finden waren, wurde die Bevlkerung aufgerufen mitzuwirken. Immerhin lag die Sache so weit entfernt wie uns die Napoleonischen Kriege. Was kam da nicht alles zusammen. Aus entfernten Gegenden brachten die Menschen, was sie an Gebein auftreiben konnten: Hhnerknochen, Wildschweinschdel, selbst die berreste von Mgden und Knechten, die gut hundert Jahre nach der Schlacht geboren waren. Ein Beinhaus will gefttert sein. Dann berliessen sie die heilige Sttte Wind und Wetter. Und dem Strassenverkehr.
Dreihundert Jahre spter wurde der von einem Laster gerammte Steinhaufen zur neuen Gedenksttte aufgeschichtet. Wurden die Knochen suberlich entstaubt, als handelte es sich um Prparate aus einer medizinhistorischen Sammlung.
Zogen die Menschen in Scharen nach Marignano, um sich auf dem blutigen Boden der Vergangenheit Hrnli und Gehacktes servieren zu lassen. Gesichtsloser Menschen zu gedenken, wie jenes traurigen Hans Br aus Basel. Der sechs Kinder hinterliess und ein Fahnentuch rettete. Und als Dank dafr seit ber hundert Jahren am Basler Ratshaus die Zge des Architekten Eduard Vischer tragen muss. Whrend sich die Tiere in Stellung bringen, die Reste des Schlachtfests zu verspeisen.
Guy Krneta ist Dramatiker und Spoken-Word-Autor. Er lebt in Basel. Er ist Mitglied von Bern ist berall und Mitbegrnder der Netzwerks Kunst+Politik. Im September erscheint sein neues Buch Unger s Familienalbum.