Hourra, perdu ! 499 ans Marignano

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Beat Sterchi

Ferdinand Hodler: Mein Rckzug

Natrlich habe ich an der Ausschreibung teilgenommen. Ich habe immer an allen Ausschreibungen teilgenommen. Il faut vivre! Aber an dieser Ausschreibung fr den Waffensaal in Zrich musste ich teilnehmen! Als htte ich keine Ahnung von Kampf und Tod! Meinen die hier in Genf sei alles nur voil l'omelette sur l'assiette!

Die Ausschreibung machten sie am 1. August, schon im Dezember hatte ich meinen Wettbewerbsentwurf und Ende Januar gab es den ersten Preis. Dann ging es los, das Kesseltreiben.

Schweizer Landesmuseum

Wer behauptet denn, die andern htten nicht auch gearbeitet? Aber ich habe mehr gearbeitet! Wie ein armes, von Menschen geplagtes Tier habe ich gearbeitet! Keiner der Herren von Zrich hat es gemerkt. Mein Marignano! Mein Rckzug! Nie und nimmer! Ob Zweihnder oder Hellebarde, das ist keine Sache. Aber die Typen. Der Menschenschlag. Die Leute, die ich gemalt habe, das sind die Leute, die sich noch heute so schlagen wrden. Das sind Leute vom Pfluge. Keine Herren! Um fr sie die richtigen Modelle zu finden, habe ich im Oberland ein Atelier eingerichtet, bin nach Uetendorf gefahren, mit der Drerscheibe und allem und bis nach Sigriswyl hinauf bin ich gegangen. Jawohl. Und mehr als einisch. Der Kmpf, der Fuhrhalter wollte und wollte nicht anbeissen. Aber ich wollte das beste Modell und dann hatte ich ihn mon bonhomme! So einen wie den Fuhrhalter Kmpf aus Sigriswil htte ich in Zrich jedenfalls keinen gefunden! Der steht jetzt dort rechts aussen, deckt den Rckzug wie nur einer einen Rckzug decken kann.

Und immer und immer wieder diese nderungen! Die Kommission, der Bundesrat. Alle wollten immer wieder nderungen. berall habe ich gezeichnet und gemalt. Diese Berge von Zeichnungen. Im Zeughaus und in einer Scheune im Mnzgraben in Bern. In Genf zu malen hatte wenigstens den Vorteil, dass ich Freunde als Modelle hatte. Der Rodo und der Trachsel, die wissen auch, was es heisst, auf das Dach zu bekommen. Knstler wissen, was es heisst, auf das Dach zu bekommen! Meinen Gring habe ich dann auch noch hineingemalt. Gerade nur als geschlagener Hund wollte ich nicht dastehen, weil die ffentliche Meinung, ja natrlich die ffentliche Meinung ist die ffentliche Meinung. Aufgestachelt hat man sie! Aber ich bin Knstler. Bin ich Knstler, um die Stimmen zu hren, die aus dem Rudel heraus Mordio schreien? Da gibt es noch andere Stimmen. Als Knstler weiss ich doch, auf welche Stimme ich hre. Sonst knnte ich ja gleich den Malkasten zusammenpacken und die Staffelei verbrennen! Und dieser Direktor! So einer hat immer Recht. Dabei hat er gar nicht hingeschaut, nichts hat er gesehen. Die Farbe wrde mich reuen, von dem auch nur den Hosenboden zu malen. Aber das mit dem Rechthaben ist sowieso etwas anderes als das Rechtmachen. Auch wenn die das in Zrich anders sehen. Recht haben wollen ist das eine, aber es allen recht machen das andere! Faut le faire comme il faut!

Ich habe es Ihnen auch gesagt, diese Komposition passt in die Nische der Wand, wie ein Handschuh an eine Hand und 7 Meter ber dem Boden! Dieser Sehwinkel! Dem muss man Rechnung tragen. Man hat nicht lange Mhe, die Szene zu verstehen.

Was mich das gekostet hat? Mehr als drei Jahre! Als wrde man ewig leben.

Es ging halt wie mit der Nacht. Meine Nacht wollten sie auch nicht sehen, ich wollte ihnen die Nacht zeigen und habe sie so gemalt, dass man sieht, wie die Nacht ist, aber sie wollten sie nicht sehen, die Nacht, den Krieg wollten sie auch nicht sehen. So wie die redeten! Die wollten doch einfach wieder tapfere Ritter auf dem hohen Ross! Ich male aber keine Ritter! Keine Feldherren! Ich male die Krieger aus dem Volk. Ich kenne diese Krieger. Diese Krieger wollten sie aber nicht, schon gar nicht mit weggeschossenen Beinen. Meinen Fhndrich fanden sie dgotant. Sie wollen einen schnen Krieg, die Verwundeten wollten sie nicht sehen, schon gar nicht blutberstrmt. Das finden sie roh und abstossend. Sie wollen Schnheit. Aber Krieg ist Krieg und die Wahrheit kommt vor der Schnheit. Voil. Die Schnheit, die sie meinen! Eine schne Schnheit!



Beat Sterchi wurde 1949 in Bern geboren. Er ist Theaterautor und Spoken-Word-Performer bei Bern ist berall. Er schreibt auch Prosa, Gedichte und Reportagen.



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