Une action d'«Art+Politiqe»
Daniel de Roulet
bersetzung: Maria Hoffmann-Dartevelle
Sehr geehrter Herr Bundesrat,
499 Jahre, das reicht. Sie werden doch wohl nicht ein ganzes Wahljahr lang die alte Marignano-Leier wiederholen, unter dem Vorwand, wir Urschweizer seien jetzt seit fnf Jahrhunderten neutral, frei und meistbietend verkauft.
Die Schweizer Neutralitt wurde nicht 1515 erfunden. Sie wissen genau, wie die Sache damals gelaufen ist: Nicht die Eidgenossen waren es, die, wie Sie sagen, in Marignano gekmpft haben, denn die Berner, Solothurner, Freiburger und Walliser waren schon nach Hause gegangen, von den Franzosen dafr bezahlt, dass sie nicht gegen sie kmpften. Auerdem sollten wir nicht vergessen, dass die, die geblieben sind, gar nicht richtig ausgerstet waren, da das pltzliche Auftauchen der leichten Reiterei die Kriegskunst verndert hatte. Aus Kroatien, Albanien und Bosnien stammende Stratioten Mittelstrmer und Rechtsauen in einem, aber zu Pferde , lsten in der Mailnder Ebene das Massaker an unseren Landsleute aus. Haben Sie nicht Angst, Ihre Whler knnten sich darber wundern, dass Sie diese kriminellen auslndischen Angreifer feiern, die unsere Infanteristenkultur nicht respektierten?
Die Sache ist schon einmal gehrig schief gelaufen, und zwar vor hundert Jahren, am 400. Jahrestag der abgedroschenen Schlacht von Marignano, als der Maler Ferdinand Hodler den Auftrag bekommen hatte, ein Fresko fr das Schweizerische Landesmuseum zu malen. Er hatte an das Massaker erinnert, hatte das vergossene Blut und den Rckzug dargestellt. Damals hatte sich alles, was unser Land an Obersten, nationalistischen Bankiers und Kitschknstlern hatte, gegen die Ausfhrung dieses groen Werks gewehrt. Dabei ist Holder, wie Sie wissen, im Ersten Weltkrieg nicht neutral geblieben, hat es gewagt, sich gegen die Bombardierungen einzusetzen, was ihn teuer zu stehen kam. Wenn er wsste, dass Ihr Herr Blocher heute seine Werke sammelt, wrde er sich im Grab umdrehen.
Und hundert Jahre spter wollen Sie das alles noch einmal aufrollen. Eine Gedenkfeier mit martialisch anmutenden Zgen. Unter der Fuchtel eines Obersten, des ehemaligen Chefs der Banco di Roma und der UBS, kndigt uns die Stiftung Pro Marignano ihr Programm an: eine gemeinsam mit dem Vatikan herausgegebene Sonderbriefmarke, ein Wettschieen im Tessin, zwei Gottesdienste (einen fr die bosnischen Reiter?), einen dreisprachigen Cartoon, die Restaurierung eines Beinhauses, einen Pavillon im Landesmuseum (ohne Hodlers Fresken?). Bei der Mailnder Weltausstellung im nchsten Jahr plant auerdem die unsgliche Prsenz Schweiz, in allen Einzelheiten wahrscheinlich zwischen Toblerone, Stewi-Wschestndern und Schweizer Messern die Vorteile unserer angeblichen Neutralitt in der heutigen Welt darzustellen: Europahass, Bankensicherheit und Schutz der Urschweizer seit fnf Jahrhunderten. Wieder die alte Marignano-Leier.
Unter diesen Umstnden, sehr geehrter Herr Bundesrat, drfen Sie sich nicht wundern, wenn ein paar von uns Bewohnern dieses schnen Landes lieber Hopp Schwiiz rufen, als ein ganzes Jahr lang Ihre olle Leier zu wiederholen.
Hochachtungsvoll.
Daniel de Roulet, geboren in Genf 1944, ist der Verfasser von La Simulation humaine, einer Folge von zehn Romanen, dessen letzter 2014 erschienen ist: Le dmantlement du cur. Er schreibt regelmssig Kolumnen und Essais, zuletzt Ecrire la mondialit.
www.daniel-deroulet.ch